Ganz der Westen

Der Tag unseres Reisebeginns fiel mit dem 22. Juni ziemlich auf den längsten Tag des Jahres; zumindest auf der Nordhalbkugel. Und irgendwie klebte mit diesem Datum auch der Sommer an unseren Fersen; was soll man sagen? … wenn Engel reisen 🙂

Unsere Reise begannen wir mit einem „Reykjanes-Tag“. Wir wollten uns einmal etwas näher umschauen auf dieser großen und schönen Halbinsel. Hier findet man die Brücke zwischen Europa und Amerika, den Leuchtturm Reykjanesviti mit den nah gelegenen Felsnadeln Valahnúkamöl, der heißen Quelle Gunnuhver, dem Felsenpool Brimketill und dem Vogelfelsen Krýsuvíkurberg. Es war ein schöner und erlebnisreicher Tag, wenn auch ein wenig windig, aber auch das gehört hier oben irgendwie dazu.

Nach unserer Übernachtung in Þorlákshöfn machten wir uns gleich morgens auf den Weg über den Ort Eyrarbakki in das Vogelreservat Flói. Der Pfad durch das flache, von Kanälen und Teichen durchzogene Gebiet war etwas feucht, aber dennoch gut zu gehen. Wenn man sich mit der gebührenden Ruhe durch das Gebiet begiebt, kann man sehr schöne Beobachtungen machen. So konnten auch wir Sterntaucher mit Jungtieren beobachten, Odinshühnchen und Schwanenfamilien, Bekassinen sehen (und hören) und noch einige gefiederte Freune mehr.

Über Selfoss fuhren wir weiter, nun auf der Ringstraße 1 in Richtung Osten, bogen bald aber in nördliche Richtung ab und legten im Städtchen Flúðir einen Stopp ein. Mit dem Gamla Laugin gibt es hier das älteste Schwimmbad des Landes, das von einer der vielen hier hervortretenden heißen Quellen gespeist wird. Es lohnt sich durchaus, hierfür Zeit einzuplanen, gehören Hot Pots, heiße Bäche und Naturbäder doch zu den Besonderheiten der Insel. Nach unserem Bade fuhren wir noch ein Stück weiter, bogen ab auf eine Schotterpiste, die uns nach einigen Kilometern zu einem Parkplatz auf der Ostseite der Hvítá führte. Dieser große Fluss kommt aus dem Hochland und stürzt unweit von hier in zwei Stufen in eine Schlucht. Dieser Wasserfall ist der Gullfoss, den wir uns nun einmal von der Ostseite aus anschauen wollten. Den Weg zum Wasser säumte ein wahres Blumenparadies, sodass es einem durchaus schwer gemacht wurde, sich von dieser Pracht zu lösen.

Wir erreichten schließlich die Wasserfälle und genossen den Ausblick, es hatte sich wirklich gelohnt! Außer uns war niemand hier drüben und so freuten wir uns auch über die „Einsamkeit“ an diesem so viel besuchten Naturschauspiel. Auf dem weiteren Weg machten wir schließlich noch Halt an einer Schlucht durch die sich die Hvítá zwängt, hier allerdings als bemerkenswert ruhiges Wasser. Kaum zu glauben, dass es der gleiche Fluss ist, der kurz oberhalb mit Getöse in einen Cañon fällt. Der Tag war ebenfalls wieder nicht arm an Eindrücken und so freuten wir uns, abends unser Hotel Gulfoss zu erreichen und es uns im Restaurant gut gehen zu lassen. War aber der Nachmittagshimmel von einigen Wolken und auch einem kurzen Schauer geprägt, so riss zum Abend hin die Wolkendecke immer weiter auf und die Sonne beherrschte das Szenario immer mehr. Also packten wir kurzerhand uns und unser Fotozeug nach dem (übrigens vorzüglichen) Abendessen ins Auto und fuhren in Richtung Geysir. Die Sonne stand gerade noch über den Bergrücken und da die meisten der vielen Tagesbesucher schon längst wieder in Richtung Reykjavík abgerauscht waren, hatten wir eine wunderbare Ruhe, auch dieses Schauspiel zu genießen. Der Strokkur, die einzige noch springende Springquelle in diesem Gebiet, bricht mit einer Frequenz von 5 – 10 Minuten sehr verlässlich aus. Auch wenn man diesen Ort schon oft besucht hat, ist es doch immer wieder schön!

Bevor wir überhaupt die Chance hatten, etwas zu leisten, belohnte uns der Tag schon mit einem ausgezeichneten Frühstück; so kann ein Tag starten! Wir ließen es uns nicht nehmen, um auch dem Gullfoss noch einmal einen Besuch abzustatten, dieses Mal von der westlichen Seite. Der herüberwehende Sprüh machte uns das Leben aber nicht leicht und so zogen wir dann auch bald unseres Weges, schließlich sollte es heute ganz nach Westen gehen. Auf dem Weg kamen wir an Þingvellir vorbei, dem historischen Versammlungsplatz seit der Landnahmezeit vor tausend Jahren. Zur Beratung, Rechtsprechung und zu vielen weiteren Angelegenheiten von überörtlicher Bedeutung kamen hier die „Goden“ mit ihrem Gefolge einmal im Jahr zusammen. Auch wenn Regierung und Parlament schon einige Zeit nicht mehr an dieser Stelle tagten, wurde hier im Sommer 1944 in Anlehnung an die alten Versammlungen die Republik Island ausgerufen. Uns zog es dann aber wieder auf die Straße, wir hatten noch einige Kilometer vor uns und auch noch einen weiteren Stopp, der uns wieder ins Gelände trieb. Schon fast auf der Halbinsel Snæfellsnes machten wir Pause, widmeten uns zunächst wieder unserer Essenkiste und machten uns dann auf den Weg zu dem Vulkankrater Eldborg. Auf dem Weg zum Krater geht es ein Stück entlang eines Flüsschens und durch das Unterholz. Mit etwas Vorsicht und Geschick konnten wir Sandregenpfeifer, Goldregenpfeifer und die allgegenwärtigen Küstenseeschwalben beobachten, bevor wir den steilen Krater mit seiner sehr schönen Aussicht auf den Snæfellsjökull erklommen.

Abends erreichten wir schließlich unser Gästehaus im Städtchen Ólavsvík. Hier quartierten wir uns für die bevorstehenden drei Tage ein, um von hier aus die vielfältige und große Halbinsel Snæfellsnes zu erkunden. Nicht, dass es eine Garantie für schönes Wetter gibt, aber hier auf dieser Halbinsel hat man mehr als irgendwo anders auf Island es selbst in der Hand, sich sein schönes Wetter zu suchen. Die Kette an Bergen bis hin zum Snæfellsjökull wirkt oft als Wetterscheide. Wenn es im Norden regnerisch ist, hat man im Süden Aussicht auf zumindest trockneres Wetter und umgekehrt. Zunächst machen wir aber einen Rundgang durch das alte Fischerörtchen Ólafsvík. Mit seinen rund 1000 Einwohnern gehört es schon zu den größeren „Zentren“ hier ganz im Westen. Vorbei an der Kirche (Ólafsvíkurkirkja), die mit ihrer Architektur Wegbereiterin war für viele weitere moderne Kirchenbauten in Island, führte uns unser weg in Richtung des nahen Wasserfalls Bæjarfoss. Die üppige Pracht an verschiedenen Blumen war nicht weniger fesselnd als der Wasserfall selbst. Das gefleckte Knabenkraut, das Kleine Immergrün und auch das Fettkraut gehörten dazu.

Zum Nachmittag begaben wir uns in Richtung des nahen Ortes Rif. Hier brüteten tausende von Küstenseeschwalben und wussten ihren Lebensraum durchaus aktiv zu verteidigen gegen jede Art von Besuchern. In den Uferbereichen der kleinen Seen konnten wir zudem sehr gut einige Sterntaucher-Familien beobachten.

Schließlich (und unbeschadet) ging es für uns weiter auf der Küstenstraße um das Bergmassiv des Snæfessjökulls herum. Dieser majestätische Vulkan mit seiner (leider stark schrumpfenden) Eiskappe entstand vor ca. 700.000 Jahren, die letzten Ausbrüche fanden allerdings erst in der Nacheiszeit statt. In ein solches Lavafeld wollten wir einsteigen und taten dieses auch in der Lavahöhle Vatnshellir. Die Höhle entstand in einem Lavastrom, der sich bei einem Ausbruch des Vulkans vor 6 – 8000 Jahren ergoss. Bis zu 30 Meter stiegen wir in die Lava hinab und konnten sowohl die riesige Höhlung mit ihrer Farbigkeit bestaunen, wie auch Lava-Tropfsteine. Auch die Erfahrung kompletter Dunkelheit ist etwas Besonderes. Ohne das Licht der Taschenlampen sieht man sprichwörtlich die Hand vor Augen nicht!

Wieder am Tageslicht legten wir noch einen Stopp am Südwestende der großen Halbinsel ein. Hier steht das Nationalparkzentrum mit guter Ausstellung und Informationen über das Gebiet, ein kleines Museum und der Leuchtturm Malarrifsviti. Neben der reich gegliederten Steilküste findet man hier auch die Felsnadeln Lóndrangar. Als lavagefüllte Schlote und Gänge alter ehemaliger Vulkane überdauerten sie die Zeit.